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Sigi’s Spitzen | Die Hybris der Tennisstars

Auf Corona-Regeln wurde von den Tennis-Stars wie Alexander Zverev bei der Adria-Tour – und auch danach – nicht viel gegeben. © AFP / ANDREJ ISAKOVIC

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol, aktuell schildert er in seiner eigenen SportNews-Rubrik, wie er die Corona-Situation erlebt. Es ist vielleicht nicht immer alles so ganz ernst gemeint, dafür dürfte es aber durchaus zum Nachdenken anregen.

30. Juni 2020

Von Sigi Heinrich

In ruhigen Zeiten ist es nicht so tragisch, wenn man Fehler macht oder sich leichtsinnig verhält. Schwamm drüber. Das Leben geht weiter. In Corona-Zeiten freilich sieht die Sache anders und zwar ganz anders aus. Jetzt werden Unachtsamkeiten gnadenlos bestraft. Vor allem diejenigen – und es werden noch viele werden – die da glauben, Covid-19 trifft immer nur die anderen, haben jetzt die Düsternis vor Augen. Es wird uns gerade auf ziemlich schonungslose Weise der Spiegel vorgehalten.

Die -männliche- Tenniselite hat es geschafft, den Glauben an die Vernunft des Homo sapiens fast gänzlich zu verlieren. Es war ehrenhaft – vielleicht – vom Weltranglisten Novak Djokovic die „Adria-Tour“ zu veranstalten. Sie sollte Geld einbringen für einen guten Zweck, weshalb er Freunde um sich scharte, die mit ihm spielen sollten. Eine nette Sache zweifellos. Das möchte ich vorausschicken. Doch die Art und Weise, wie die Turniere dann organisiert wurden, machte klar: Djokovic und seine Entourage (Bruder, Vater, Trainer) mögen sich im Tennisgeschehen auskennen. Als Veranstalter waren sie gerade in diesen Zeiten heillos überfordert.

Sigi Heinrich

Hygienevorschriften, Mindestabstand, Maskenpflicht. Alles Begriffe, die im Vokabular der privaten Tour nicht enthalten waren. Schlimmer noch: Die Spieler mischten sich unter das Publikum und feierten selbst, als gäbe es keinen Morgen mehr. Das Ergebnis ist bekannt: Djokovic selbst, seine Ehefrau Jelena, sein Trainer Ivanisevic und mehrere Spieler dieses Events wurden mittlerweile positiv auf Covid-19 getestet.

Schuldzuweisungen unter der Gürtellinie

Jetzt auszurufen, geschieht ihnen zu Recht, wäre genauso billig wie es die Schuldzuweisungen waren von Srdjan Djokovic, dem Vater von Novak, der allen Ernstes behauptete, dass der Bulgare Grigor Dimitrov, der als erster Teilnehmer der Tour positiv getestet wurde, alle Schuld habe an dem Desaster. Er habe, so Srdjan Djokovic, den Beziehungen zwischen Serbien und Kroatien extrem geschadet und seiner Familie großes Leid zugefügt.

Für eine solche Aussage müsste er lebenslang von allen Tennisplätzen verbannt werden. Das ist soweit unter der Gürtellinie, dass es jedem einigermaßen vernunftgesteuerten Menschen die Zornesröte ins Gesicht treibt. Wäre ich Dimitrow, würde ich ihn verklagen. Dabei hat sich aufgrund mangelnder Vorsichtsmaßnahmen diese Veranstaltung als „Hotspot“ herausgestellt und dem Tennissport unermesslichen Schaden zugefügt.

Die US-Open in den USA, einem Land, in dem das Virus nach Lust und Laune wüten kann, weil es kaum auf Gegenmaßnahmen trifft, sind nun wirklich in Gefahr. Und darüber hinaus der gesamte weitere Sportbetrieb weit über Tennis hinaus. In Zahlen mag man sich den Schaden, den diese „Adria-Tour“ angerichtet hat, gar nicht ausmalen. Der Imageschaden allein hat schon zerstörerische Wirkung. Danke Jungs. Gut gemacht…

Partylöwe Alexander Zverev

Aber zum Glück kann man daraus ja lernen. Siehe Alexander Zverev, der sich in Monte Carlo statt der großspurig angekündigten Quarantäne in eine Party stürzte. Unglaublich eigentlich. Es ist die Hybris dieser Sportler, die verhindert, dass sie das Leben und die Gefahren, die es gerade heutzutage in sich birgt, ernst nehmen. Ihr ganzes Dasein ist ein großes Spiel. Und manche werden nie erwachsen.

Wir, die wir den Sport in seiner ganzen Vielfalt lieben, können nur an die Vernunft derer appellieren, die uns ihr Talent, ihre Kunstfertigkeit immer wieder offerieren. Geht sensibel mit der für uns alle ungewohnten Situation um. Setzt nicht die kleinen, neuen Freiheiten so leichtfertig aufs Spiel wie zuletzt im Tennis geschehen. Wir wollen schließlich noch lange Eure außerordentlichen Leistungen bewundern und uns daran erfreuen. Danke.

Autor: sigi heinrich

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